Tag am Meer

Ob nun ein Tag oder gleich der ganze Urlaub, die Zeit am Meer soll entspannen. Wie auch immer die Entspannung genau aussehen mag. Wie das sehr variiert, zeigt ein Blick den Strand rauf und wieder runter. Aber das Meer selbst zieht an, beruhigt, inspiriert und fasziniert. Was die Brandung aus den geheimnisvollen Tiefen nach oben spült, zerstört jedoch die Idylle. Die leichte Brandung wiegt kleinere und größere Plastikteile hin- und her.

Der Strand selbst sieht auf den ersten Blick sauber aus. Doch sobald ich meine Zehen wohlig im Sand vergrabe, hängt eine Plastiktüte daran. Aus den Augen aus dem Sinn; obwohl ich schon hoffe, dass die Touristenabgaben für Sinnvolles genutzt wird, als den Abfall nur am Strand zu vergraben. Die traurige Realität ist allerdings unbestritten: ein sauberer Strand ist ein menschengemachter Strand. Denn weltweit wird fortlaufend Müll angespült. Und sammelt sich an – zusätzlich zu dem, was wir nach einem schönen Tag am Meer zurücklassen.

Dabei ist selbst der angespülte Müll auf einsamen Inseln, wie hier im Clip über die kleine Insel Clipperton im Pazifik, mehr als tausend Kilometer von der nächsten Küste entfernt, nur ein winziger Ausschnitt dessen, was in den Meeren herumtreibt: Clipperton, an Island Wasted by pollution.

Natürlich ist es nicht allein Plastik, das im Meer landet. Aber, was Plastik in der Nutzung so attraktiv macht, wird in der Entsorgung zum Problem: Kunststoff ist extrem langlebig. Und jedes Jahr werden etwa 240.000 Ton­nen Plas­tik produziert. Selbst Sonne und Salzwasser brauchen Jahrzehnte, um es in immer kleinere Teile zu zerteilen, zu zerreiben. Werden diese von Fischen aufgenommen, gelangen winzige Plastikteilchen auch in unsere Nahrungskette – vorausgesetzt die Fische überleben das Plastikmahl. Wenn Seevögel ihre Jungen mit Plastikstückchen füttern, Schildkröten in schwebende Plastiktüten beißen, die sie für Quallen halten, sich neugierige Seehunde beim Spielen strangulieren oder Plastiksäcke sich über Korallen legen und dadurch die von Licht abhängige Gemeinschaft töten – Plastik im Meer endet selten gut.

Und es wird täglich mehr. Natürlich ist es entscheidend, an der Wurzel anzusetzen und weniger Müll zu produzieren. An Verpackungen sparen, Reparaturen und Recycling schon im Design von Produkten berücksichtigen, wieder verwerten und auch weiter verwenden. Denn Plastikmüll war ja vorher oft ein Gebrauchsgegenstand. Degrowth bietet dafür einen Ansatz:

„Unter “Degrowth” verstehen wir eine Verringerung von Produktion und Konsum in den frühindustrialisierten Staaten, die menschliches Wohlergehen, die ökologischen Bedingungen und die Gleichheit auf diesem Planeten fördert.“
Selbstverständnis der Degrowth-Konferenz in Leipzig vom 2.-6. September 2014, siehe dazu auch PowerShift.

Doch selbst, wenn es uns gelingt, Verpackungen und Materialverbrauch zu reduzieren und Verwendungszeiten zu verlängern, treiben noch immer Tonnen von Plastik im Meer herum. Den Großteil davon bekommen wir selbst bei unserem Urlaub, ob am einheimischen Strand oder auf einsamen Inseln, nicht zu Gesicht. Denn Millionen Tonnen von Plastik drehen sich in fünf großen Müllstrudeln im Kreis. Ein Drittel davon steckt im „Great Pacific Garbage Patch“ – doppelt so groß wie Frankreich.

2012 hat der 17-jährige Boyan Slat eine Idee entwickelt, wie dieser Müll eingesammelt werden könnte. Fest installierte Barrieren fangen den Müll auf, ohne dass Meereslebewesen in Netzen verenden können. Jeden Monat sammelt ein Boot die zusammengetriebenen Teile auf und bringt sie an Land, so die Vision. An einem Verwertungskonzept sowie der ersten großen Umsetzung wird gearbeitet (Crowdfunding für The Ocean Cleanup: Am 21.08.2014 sind 73% der angepeilten 2.000.000$ erreicht).

Nach einer kleinen Spende installiere ich eine Flohmarkt-App. Denn, was noch zu gebrauchen ist, variiert ebenso wie die Vorstellungen von Entspannung am Strand. Einkaufen gehen werde ich im Übrigen weiterhin mit meinen Jutebeuteln. In dem Buch „Grüne Lügen“ von Friedrich Schmidt-Bleek, Chemiker und Umweltforscher, kommen Baumwolltaschen im Vergleich zu Plastiktüten, was den Rohstoffeinsatz anbelangt, schlecht weg. Die Frage der Ressourcenintensität wurde in den letzten Tagen in Bezug darauf im Deutschlandradio Kultur behandelt. Dabei sollte aber nicht ausgeblendet werden, was mit den Produkten nach der Nutzung passiert. Ich habe seit über zehn Jahren keine neuen Einkaufstaschen gekauft. Der Forderung, die Materialeffizienz um den Faktor 10 zu erhöhen, schließe ich mich voll und ganz an. Doch gerade die dünnen, weniger ressourcenintensiven Plastiktüten, die Schmidt-Bleek gutheißen müsste, enden weltweit im Meer.

Es würde mich freuen, beim nächsten Strandtag in die Ferne blicken zu können und dabei an Barrieren zu denken. Eine beruhigende Vorstellung, wie die Ozeane Plastikmüll an schwimmenden Barrieren statt einsamen Inseln abladen. Faszinierend, dass ein Teenager sich dieses Konzept ausgedacht hat. Inspiration für mehr.

German Angst ums Bier: No Fracking Way

Die Deutschen sorgen sich um ihr Bier. Schon seit Monaten kursieren Warnungen der Bierbrauer ( ja und auch der Mineralwasserhersteller) vor den unkalkulierbaren Risiken der Gasförderung aus tiefen Gesteinsschichten mit dem umstrittenen Technologie Hydraulic Fracturing, kurz Fracking (beispielsweise: taz oder Handelsblatt)

Das„Bündnis zum Schutz von Wasser“ fordert deshalb einen vollständigen Verzicht auf den Einsatz der Fracking‐Technologie, solange nicht alle Risiken für Mensch und Umwelt sicher ausgeschlossen werden können – gerade auch in Einzugsbereichen von Wasservorkommen, die als Trinkwasser, Mineralwasser, Brauwasser, zur Getränkeherstellung oder zur Herstellung sonstiger Lebensmittel genutzt werden. – Pressemitteilung vom 15.07.2014

Rückenwind erhalten die besorgten Produzenten nun vom Umweltbundesamt (UBA). Das UBA hat letzte Woche ein umfassendes und äußerst interessantes Gutachten zu Fracking vorgelegt: “Umweltauswirkungen von Fracking bei der Aufsuchung und Gewinnung von Erdgas aus unkonventionellen Lagerstätten”  (Kurzfassung hier). Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamts (UBA), erklärte bei der Vorstellung der Studie: Am besten sollte in Deutschland gar nicht gefrackt werden.

“Grundsätzlich halten wir die Gefahren dieser Technik für zu groß.”

Deckblatt_TTIP-Fracking-Kurzstudie: Fracking auf TTIP komm raus_2014_smDoch, da ein Verbot rechtlich eine komplizierte Angelegenheit sei, empfiehlt das Gutachten stattdessen “enge Leitplanken” für den Einsatz der umstrittenen Technologie, z.B. eine verpflichtende Umweltverträglichkeitsprüfung vor jeder Frackingmaßnahme.

Ob das reichen wird, um das deutsche Bier vor dauerhaft vor Verunreinigungen zu schützen? Der seit Juli vorliegende Gesetzesentwurf will Fracking unterhalb von 3.000 Metern zulassen. Ausgenommen werden sollen bisher nur: Wasserschutz- und Heilquellengebiete. Und überhaupt gäbe es riesige Schlupflöcher, kritisiert die Opposition.

Zivilgesellschaftliche Gruppen warnen neben den direkten Effekten auf Umwelt und Gesundheit auch vor milliardenschweren Schadensersatzklagen. Sollten Handels- und Investitionsabkommen mit Kanada (CETA) und den USA (TTIP) beschlossen werden, könnten Verbote oder scharfe Regulierungen des ‘Fracking’ von Öl und Gas teuer werden.

Die Hintergründe zum sogenannten Investor-State Dispute Settlement (ISDS), dazu erläutert dieses Video: EU-USA Handelsabkommen – Einfallstor für Milliardenklagen gegen Fracking-Verbote.

Die Analyse “Fracking auf TTIP komm raus” zeigt ebenfalls, wie Energiekonzerne die geplanten Investorenrechte in TTIP nutzen könnten, um EU-Mitgliedstaaten vor privaten Schiedsgerichten auf Schadensersatz zu verklagen, wenn sie umweltverschmutzende Energieprojekte stoppen.

“Mit den Konzern-Klage-Rechten im TTIP wollen Energiekonzerne wie Chevron durch die Hintertür ihre dreckigen Fracking-Projekte in Europa durchsetzen,” warnt Peter Fuchs, Handelsexperte der Organisation PowerShift. “Die Sonderklagerechte für Investoren sind scharfe Waffen, mit denen Konzerne vorbei an ordentlichen Gerichten demokratische Entscheidungen zum Schutz von Mensch und Umwelt angreifen können.”
Das deutsche Bier ist also noch lange nicht gerettet.

Umweltschutz geht woanders: Offsetting der Artenvielfalt

Nachdem das Offsetting im Klimaschutz – also ein Handel mit Zertifikaten, die besagen, wie viele Klimagasen an einem Ort eingespart wurden, damit sie dann anderswo mit Zertifikat ohne weitere Anrechnung rausgepustet werden können – so richtig daneben gegangen ist (siehe Beiträge aus 2012 wie Die Vermessung des Unbekannten oder Saubere Entwicklung für deutsche Unternehmen), wird dieses Misserfolgskonzept nun auf den Erhalt der Biodiversität angewandt.

Die Lizenz zum Töten? So ungefähr. Die Idee, einfach einen Ersatzort auszumachen, der dann den Verlust an Lebensraum und Artenvielfalt an anderer Stelle kompensieren soll, klingt wie ein schlechter Scherz. Aber seht selbst den Clip dazu: Biodiversity offsetting, making dreams come true

Weder Counter Balance, die diese “Mockumentary” erstellt haben, noch PowerShift befürchten, dass als nächstes der Tiergarten bedroht sei. Doch mit dem Verweis auf Offsetting-Tätigkeiten werden bereits weltweit Ökosysteme unwiderruflich zerstört. Anlass des Clips ist eine neue Regelung der EU, die Offsetting im Bereich Biodiversität erlauben soll. Dort heißt es, es solle keinen Nettoverlust von Biodiversität geben. Umweltgüter allgemein und auch Artenvielfalt lassen sich aber nicht so einfach andererorts ersetzen – oder aufrechnen.

Wir kennen in Deutschland Ausgleichsmaßnahmen aus der Stadt- und Landschaftsplanung. Doch müssen Bauvorhaben immer wieder angepasst werden, wenn seltene Arten auf dem Gelände gefunden werden (Stichwort: Blockade-Tiere). Doch über Offsetting ließen sich andere Wege finden. Geschützt werden kann auch woanders. Im Zweifelsfall wird umgesiedelt. Dass das häufig nicht klappt, kann man sich ohne viel Fantasie ausmalen. Auch die Erfahrungen mit Offsetting in den USA , Australien und Kanada bestätigen dies.

Das Offsetting von Klimagasen sollte weltweit zu größeren Einsparungen führen. Das Kyoto-Protokoll wurde 1997 beschlossen. Und noch immer steigen die Treibhausgasemissionen – keine Trendumkehr in Sicht.

Bei der Biodiversität wird dies alles natürlich ganz anders sein. Denn die sinkt ja ohnehin schon.

Zu viele Umweltkonflikte – Recherche im Environmental Justice Atlas

Ein Atlas für Umweltgerechtigkeit! Wie passend, auch wenn er eher Atlas für Umweltungerechtigkeit heißen müsste. Oder Atlas für Umweltkonflikte, denn diese werden auf einer Weltkarte verzeichnet. Die Nutzer_innen können über mehrere Filter zu verschiedenen Themen, Arten des Konflikts oder auch Unternehmen recherchieren.

Screenshot: Environmental Justice Atlas (www.ejatlas.org)

Screenshot: Environmental Justice Atlas (www.ejatlas.org)

Zu Deutschland sind 12 Konflikte verzeichnet. Zu jedem dieser Umweltkonflikte gibt es Erläuterungen, so z.B. zu Garzweiler II, ein Braunkohletagebau im Rheinland. Ein Konflikt um Land, das den Baggern weichen soll, und Kohle, die die Gegner im Boden lassen wollen. Das Bundesverfassungsgericht entschied 2013 gegen eine Klage vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND): Das Gemeinwohl durch die Energieerzeugung wiege höher als das Recht auf Heimat oder Privateigentum. Die Klimaungerechtigkeit, die von der Braunkohleverstromung befeuert wird, ist in diese Entscheidung leider nicht eingeflossen. In diesem Jahr entschiedet die Landesregierung jedoch die – bereits genehmigte – Abbaufläche zu verkleinern.

Konflikte bleiben in Bewegung und hoffentlich bleibt es diese Karte auch. Z.B. baggert RWE auch in Hambach Braunkohle ab. Um den Ausbau des Tagebaus und die Rodung des Hambacher Forsts zu verhindern, gab es seit 2012 immer wieder Besetzungen. Für diese Auseinandersetzung gibt es (bisher) keinen Eintrag auf der Karte. Es gibt wohl einfach zu viele Umweltkonflikte weltweit.

Um mit einer positiven Note zu enden, noch ein Aufruf: Vom 26. Juli bis zum 3. August ins Rheinland pilgern. Auf dem Klimacamp im Rheinland soll um Lösungen für die Klimakrise – in Deutschland und weltweit – gehen.

In diesem Sinne ein Dankeschön an den Newsletter »Kohleausstieg Update«, über den ich diese Karte überhaupt erst entdeckt habe. Der Newsletter wird mit der Unterstützung von PowerShift e.V. von Philip Bedall und Georg Kössler ehrenamtlich erstellt. Um ebenfalls informiert zu werden, einfach eine leere Mail schicken an: kohleausstieg_news-subscribe@lists.riseup.net.

Nachhaltigkeit mal richtig: Der 4. BDI-Rohstoffkongress

Morgens um 10:00 vor dem Haus der Wirtschaft, wo am 3. Juli der 4. BDI-Rohstoffkongress stattfand. Drei Mitarbeiter_innen des Nachhaltigkeitsteams des BDIs stellen den Kongressteilnehmer_innen das neue Nachhaltigkeitsprogramm des BDI vor. Sie verteilen kleine Pflanzen, an denen ein Kärtchen mit dem Motto „Verantwortung pflanzen – für jedes Opfer einen Baum“ baumelt. Über diese Wohltätigkeitsaktion sollen die Mitglieder des BDIs aufgerufen werden, für 20 Euro symbolisch zwei Bäume zu kaufen, die dann im Kongo gepflanzt werden.

Mitarbeiter des Nachhaltigkeitsteams des BDI verteilen Pflanzen und Flyer vor dem Haus der Wirtschaft, in dem der 4. BDI-Rohstoffkongress stattfindet.

„Aus der Demokratischen Republik Kongo gehen die Rohstoffe zu den Schmelzen, beispielsweise hier in Indonesien“,

Flyer Nachhaltigkeit pflanzenerklärt mir ein eifriger Mitarbeiter und tippt mit dem Finger auf die Karte in dem Flyer.

„Wir beziehen also nicht direkt aus den Abbauregionen und können daher auch nicht zur Verantwortung gezogen werden für die negativen Auswirkungen des Bergbaus vor Ort. Aber wir wollen Rohstoffkreisläufe schließen und pflanzen daher diese Bäume in den Abbauregionen.“

Auf kritische Nachfragen, ob sich die deutsche Wirtschaft da nicht mit einem grünen Mäntelchen bedeckt aus der Verantwortung stehlen wolle, heißt es:

„Die deutsche Wirtschaft profitiert, immer. In diesem Falle insbesondere die Firmen, die dann die Bäume exportieren.“

Soso, die meisten Teilnehmer_innen fragen aber gar nicht genauer nach, einige finden die Aktion richtig gut. „Verantwortung pflanzen“ klingt auch doppelt gut: Grün und sozial. Nachlesen lässt sich das Ganze auf der Website der Aktion: www.nachhaltigkeit-richtig.de.

Nach 20 Minuten wird dem bereitstehenden Polizisten vom BDI mitgeteilt, er solle die Aktion stoppen. Über Twitter distanziert sich der BDI von der Website. Die letzten Blumen und Flyer werden dennoch verteilt.

Die CIR (Christliche Initiative Romero) hatte zu dieser Parodie auf freiwillige Unternehmensverantwortung eingeladen. Denn der BDI schaffte es bislang erfolgreich, jede Form verbindlicher Unternehmensverantwortung abzublocken. So wurde beispielsweise auch auf Drängen Deutschlands die EU-Regulierung zur Vermeidung von Konfliktrohstoffen vollkommen verwässert.

Die CIR hat als Mitglied des AK Rohstoffe ein Positionspapier vorgelegt, das für eine umfassende EU-Initiative zur Vermeidung von Konflikten beim Rohstoffabbau plädiert. Nur verbindliche Initiativen zur Sorgfaltspflicht und Unternehmensverantwortung können zur Verbesserung der Situation beitragen. Denn auch wenn es kein echtes Nachhaltigkeitsprojekt „Für jedes Opfer ein Baum“ gibt; existierende Initiativen wie „Metalle pro Klima“ sind ebenso dreiste Schönfärberei.

„Wir sind nicht die Problemverursacher, sondern mit die Problemlöser“,

stellte Ulrich Grillo klar. Es kommt eben darauf an, wie man das Problem definiert. Wenn ich mir das Programm des 4. BDI-Rohstoffkongresses so ansehe, ist das für sie ganz klar: Rohstoffsicherheit – auf Kosten von Mensch und Natur in den Ländern des globalen Südens.

Really good Friends of Services?

“Wirklich gute Freunde von Service” wünsche ich mir oft. Zugegebenermaßen nicht unter diesem albernen Namen, aber in der Sache. Im Großen und Ganzen habe ich das Gefühl, dass Service zunehmend an den Kunden ausgelagert wird. In vielen Berliner Cafés muss ich als Gast schon körperlichen Einsatz bringen, um mich einer Bedienung würdig zu erweisen. Wir sind es mittlerweile gewohnt, einen kompletten Tag zu Hause zu sitzen, damit jemand kommt und mit einem Handgriff unser Telefon und Internet freischaltet. Und kommt dieser jemand dann doch nicht, investieren wir weitere Stunden und Unsummen in die Hotline – Anrufen vom Festnetz wäre selbstverständlich umsonst, danke auch.

Doch den “Really good Friends of Services” gehts leider um etwas ganz anderes: Die Privatisierung und Deregulierung von Dienstleistungen. Da Liberalisierung von Dienstleistungen in der WTO nicht vorankommt, haben sich 50 Staaten (darunter die 28 EU Mitgliedsstaaten), eben zu diesem Freundesclub zusammengeschlossen und verhandeln seit Beginn des vergangenen Jahres plurilateral über TiSA: das Dienstleistungsabkommen “Trade in Services Agreeement”.

“Ein Abkommen, dass die Lobbyisten entzückt [...]. Und das Gewerkschaften und Experten, um die Daseinsvorsorge bangen lässt.” wie es in dem Clip “Erst TTIP, jetzt TiSA – Geheimverhandlungen zum Trade in Services Agreement” des BR heißt.

Dass hinter verschlossen Türen über unsere Zukunft verhandelt wird, kennen wir aus der Handelspolitik nicht erst seit TTIP. Doch dass TiSA auch noch fünf Jahre nach Abschluss geheim bleiben soll, wie es Wikileaks mit Blick auf das Kapitel zu Finanzdienstleistungen am 19.Juni 2014 enthüllte, ist schon unverschämt; um es mal gelinde auszudrücken. Dass Finanzdienstleistungen auch diejenigen betreffen können, die sich selbst vom Finanzmarkt fernhalten, hat uns die Bankenkrise gezeigt. Daneben geht es in TiSA auch um Bereiche der öffentlichen Daseinsvorsorge wie Bildung, Wasserversorgung und Gesundheit. Da es hier direkt um unser aller Lebensgrundlagen geht, sollten wir den Verhandelnden schon Vertrauen entgegen bringen. Schließlich ist die Liste der erfolgreichen Privatisierungen öffentlicher Güter lang – oder war es andersherum (Liste von 48 gescherten Privatisierungen im Wassersektor bis 2011)?

Erfolg oder Misserfolg: Wirkliche gute Freunde der Dienstleistungen sind dies in jeden Fall auf Lebenszeit. Diese – leicht mafiös wirkende – Struktur ermöglicht die sogenannte Stillhalteklausel (Ratchet Clause), wie sie in TiSA verhandelt wird. Mit: Einmal privatisiert, immer privatisiert, kann man diese zusammenfassen. Klingt zu undemokratisch, um wahr zu sein.

Ob uns der wirkliche gute Freundesclub, da nicht einen Dienst leistet, den eigentlich keiner haben will?

Fracking away

Während des “WM-Taumels” plane die Regierung noch ein Gesetz zu Fracking durch den Bundestag zu bringen, berichtete die Süddeutsche Zeitung diese Woche. Sollte die Sorge vor der Abhängigkeit vom russischen Gas nicht ausreichen, die widerspenstigen Bürger_innen von der Notwendigkeit dieser wissenschaftlich umstrittenen Fördermethode von Gas und Öl zu überzeugen, wird schon nach Alternativen Ausschau gehalten.

Nein, nicht nach alternativen Energieformen, sondern nach alternativen Bezugsquellen, vor allen Dingen von Gas. Und hier kommt TTIP ins Spiel, die Transatlantic Trade and Investment Partnership, über welche die EU seit einem Jahr mit den USA verhandeln. Bereits im Mai 2014 veröffentlichte die Huffington Post ein geheimes Verhandlungsdokument – ein sogenanntes Non-paper –, in dem die EU ihre Forderungen zu einem speziellen Kapitel für Energie und Rohstoffe in TTIP zusammenfasst.

PowerShift hat gemeinsam mit dem Sierra Club den Text analysiert (siehe Bericht dazu). Im Kern geht es darum, dass die USA alle Gas- und Ölexporte in die EU ohne die bisherige Überprüfung der Folgen zulassen solle. Denn in den USA wird schon fleißig gefrackt, was die Preise hat sinken lassen. Die us-amerikanische Gas- und Ölindustrie möchte ebenfalls gerne mehr exportieren, denn auf den ausländischen Märkten, wie der EU, lassen sich viel höhere Gewinne erzielen.

Fracking ist auch der Bevölkerung in den USA mit dem Versprechen verkauft worden, dass so ihre Energieunabhängigkeit gesichert würde. Doch Freihandel nimmt auf solche öffentlichen Interessen keine Rücksicht – sie sind schlicht Handelshemmnisse.

Aus der anderen Richtung gedacht, könnten us-amerikanische Konzerne vor Schiedsgerichten klagen, wenn beispielsweise die deutsche Regierung erst Fracking – in welchem Maße auch immer – zuließe und dann doch wieder aussteigen wollen würde. Solange Investor-State Dispute Settlement (ISDS) in TTIP vorgesehen ist, können Unternehmen mit Hilfe spezialisierter Anwaltskanzleien die politische Gestaltung, ob im Energiesektor oder anderswo, angreifen (dazu z.B. “Eine transatlantische Verfassung der Konzerne?”).

Andersherum müsste das us-amerikanische Gas für den Transport über den Atlantik erst verflüssigt werden. Der gesamte Aufwand mit all der notwendigen Infrastruktur und dem Umwandlungsprozess, von gas- zu flüssigförmig und zurück, lassen den CO2-Ausstoß dieses Energieträgers erheblich ansteigen. Zusätzlich wird bei der unkonventionellen Gasförderung durch Fracking Methangas freigesetzt, was laut dem Weltklimarat auf 20 Jahre gesehen 72mal klimaschädlicher ist als CO2, nachzulesen in “Sicher und sauber? Das Fracking-Märchen” (Speziell S. 34-37).

Wer jetzt schon genug gelesen hat, kann sich auch das Webinar ansehen, welches der Sierra Club gemeinsam mit PowerShift zu dem Thema organisierte:

Übersicht für den Mitschnitt des Webinars: “Energy Trade in the Transatlantic Trade and Investment Partnership – Endangering Action on Climate Change” vom 17.06.2014 (Englisch)

  • Peter Fuchs, Geschäftsführer von PowerShift (Deutschland) führt als Moderator in das Thema TTIP und Energie ein. 1:32-4:46
  • Ilana Solomon, Leiterin des Responsible Trade Program, Sierra Club (USA), erläutert die Folgen des EU-Vorschlags für die USA und das Klima. 4:47-17:50
  • Susanna Williams, Climate and Energy Policy Officer vom European Environmental Bureau in Brüssel, ruft die EU dazu auf, in der Debatte um Energiesicherheit, die Prioritäten richtig zu setzen. 17:50-28:50
  • Natacha Cingotti, Corporate Campaigner bei Friends of the Earth Europe (Brüssel) warnt davor, dass durch TTIP der Gestaltungsspielraum für Energiepolitik dramatisch schrumpfen würde und dass Konzerne politische Entscheidungen vor privaten Schiedsgerichten angegreifen können. 29:00-40:40
  • Rick Rowden, erklärt als Doktorand beim Centre for Economic Studies and Planning der Jawaharlal Nehru University (JNU/New Delhi) die sogenannten Local-Content-Rules, die über TTIP verboten werden sollen, obwohl sie historisch eine wichtige Rolle in der Entwicklung fast aller entwickelter Länder gespielt haben und auch gerade für Erneuerbare Energieprogramme wichtig sein können. 40:41-48:01
  • Q&A – alle

Ansonsten gibt es heute natürlich auch wieder Fußball. Passend dazu, können wir bei CAMPACT Gabriel die Rote Karte für die Pläne zum Fracking-Gesetz in Deutschland zeigen.